Im März 2012 präsentiert die Galerie Weihergut im Zuge der Ausstellung „Konvolute - Mappenwerke
1956-2011“ auf zwei Stockwerken eine hochwertige Auswahl an druckgrafischen Konvoluten und
Mappenwerken namhafter nationaler und internationaler Künstler aus den Jahren 1956 bis 2011. Als
„Mappenwerk“ bezeichnet man eine Sammlung loser Blätter, die sich in einer meist gebundenen
Mappe befinden. Bei der Zusammenstellung einer solchen Mappe können – je nach Funktion –
Grafiken, die von einem oder mehreren Künstlern zu einer bestimmten Thematik erarbeitet wurden,
kombiniert werden, oder die Auswahl der Werke kann anlassbezogen erfolgen. Die Bedeutung, die
Künstler verschiedenster Strömungen der Zusammenstellung von Mappenwerken zumessen, ist seit
jeher sehr hoch und führt zu besonders leidenschaftlichen Werksauseinandersetzungen.
Nähere Informationen zur Ausstellung:
Ein Mappenwerk bietet die optimale Möglichkeit für einen Künstler, seine Impressionen zu einem
Inhalt ganzheitlich zu vermitteln. Hubert Schmalix (geb. 1952/Graz) beispielsweise erzählt auf 8
Blättern der Mappe „Orpheus und Eurydike“ die tragische Liebesgeschichte dieser beiden
mythologischen Figuren nach. Die Einzelblätter sind in Schwarz-Weiß gehalten und zeigen keine
Handlung im engeren Sinne, sie beschränken sich meist auf einzelne statische Bildsujets. Die Kenntnis
der Geschichte durch den Betrachter wird vom Künstler vorausgesetzt, um den Bezug der einzelnen
Blätter zueinander zu verstehen.
Auch Jannis Kounellis (geb. 1936/Piraeus) setzt sich in seinem Oeuvre immer wieder mit der
Mythologie auseinander. Das Mappenwerk „Minotaurus“ hat jedoch nicht, wie bei Schmalix, die
Illustration einer Legende – in diesem Fall jene über den Stiermenschen, der im Labyrinth des König
Minos auf Kreta haust - zum Ziel. Stattdessen greift Kounellis, wie schon für eine Ausstellung in der
Neuen Nationalgalerie Berlin im Jahr 2007/2008, das legendäre Labyrinth als Symbol der Geschichte heraus und entwickelt Variationen dieses wahrscheinlich niemals existenten Baus. Jeder der
Siebdrucke lädt den Betrachter dazu ein, seinen Blick in der Komposition schweifen zu lassen und zu
sehen, wohin das Labyrinth seine Gedanken leitet.
Der Wiener Aktionist Hermann Nitsch (geb. 1938/Wien) hat sich in der Vergangenheit bereits
häufiger mit der Zusammenstellung von Mappenwerken beschäftigt. Zuletzt entstand im Zuge der
Inszenierung von Olivier Messiaens Oper „François d`Assise“, die Nitsch im Rahmen der Münchner
Opernfestspiele 2011 an der Bayerischen Staatsoper leitete, eine Mappe, deren Ziel es ist, die
Atmosphäre der Messiaen-Oper zu vermitteln. Sie enthält je ein Samtbild und eine Druckgrafik, die
2011 eigens geschaffen wurden, sowie 3 Aktionsfotos aus der 1., der 100. und der 122. Aktion. Bei
den Aktionsfotos wählte Nitsch Aufnahmen, die Teilnehmer des OMT an Kreuze gebunden zeigen
und nimmt damit Bezug auf die überlieferte Stigmatisation des Heiligen Franz. Auch die Grafik und
das Samtbild haben sakralen Charakter, bei ersterer wurde eine Radierung über einen Christuskopf
gedruckt und das Samtbild enthält Elemente der kirchlichen Liturgie, wie Wachs oder Kaselteile.
Nicht um die künstlerische Interpretation einer christlichen oder mythologischen Erzählung geht es
Günter Förg (1952/Füssen) in seinem Mappenwerk „To the builders“ aus dem Jahr 2002. Dieses
enthält Siebdrucke, in denen sich der deutsche Künstler mit einem wichtigen Element seines
Oeuvres, dem Fenster als Symbol für die Beziehung von Innen und Außen, auseinandersetzt. Dem
Fenster wird auf einigen Blätter ein Gitter vorgestellt, was den Gegensatz von Drinnen und Draußen,
von Freiheit und Eingeschlossenheit zum Thema des Mappenwerkes macht.
Auch Erwin Bohatsch (geb. 1951/Mürzzuschlag) greift in der Mappe „Weiche Zonen“ auf ein
zentrales Element seines Oeuvres zurück. Er überträgt die Methode des sogenannten Color field
painting - eine Technik, bei der in monochrom wirkenden Gemälden Farbbahnen, Schleier oder
Schlieren aufgetragen werden - von der Malerei auf die Grafik. Bei den in Schwarz-Weiß gehaltenen
Einzelblättern wird durch den geschickten Umgang mit Hell und Dunkel der Eindruck von Lichteinfall
und Schatten bewirkt. Die fließenden Formen unterstützen in besonderer Weise den, wie der Titel
schon sagt, weichen Charakter der Kompositionen.
Ebenso wie Bohatsch konzentrierte sich Jaume Plensa (geb. 1955/Barcelona) bei der Konzeption des
Triptychons „ABC“ – dreier Arbeiten zur Menschenrechtskonvention – auf einen wichtigen Punkt in
seinem Werk. Auf den ersten Blick erkennt der Betrachter auf den Einzelblättern jeweils ein etwas in
die Länge gezogenes Gesicht. Bei näherer Betrachtung jedoch sieht man, dass das Papier mit
Schriftzeichen geprägt ist. Die Verwendung von Buchstaben und Schrift ist ein typisches Merkmal des
Künstlers. Mit diesen Elementen versucht er, ohne dass sich konkret lesbare Worte oder Sätze
ergeben, den Zusammenhang von Spiritualität und Materie, von körperlicher und geistiger Sphäre
des Menschen in seiner individuellen wie kollektiven kulturellen Vielgestaltigkeit zu visualisieren.
Wie bereits oben erwähnt können Mappenwerke auch aus Arbeiten verschiedener Künstler
zusammengestellt werden. Dies gilt beispielsweise für das früheste in der Ausstellung präsentierte
Mappenwerk, die Mappe „Nächst St. Stephan“ aus dem Jahr 1956. Diese enthält je zwei Radierungen
der Künstler Markus Prachensky (geb. 1932/Innsbruck, gest. 2011), Josef Mikl (1929/Wien-2008),
Arnulf Rainer (geb. 1929/Baden) und Wolfgang Hollegha (geb. 1929/Klagenfurt), die im Jahr 1956
unter der Leitung von Monsignore Otto Mauer, einem entscheidenden Förderer der österreichischen
Avantgarde, die Malergruppe „Galerie St. Stephan“ bildeten. Ganz im Sinne der informellen Kunst,
handelt es sich bei den einzelnen Grafiken um abstrakte Formvariationen und Fantasiegebilde. Die
Mappe als Gesamtheit ermöglicht einen Einblick in das österreichische Informel und in die
künstlerische Herangehensweisen seiner wichtigsten Vertreter.
Die „Ö1 Grafikmappe III“ ermöglicht nicht, wie die die Mappe „Nächst St. Stephan“, eine
Betrachtung der Herangehensweise einer bestimmten Kunstströmung, sondern schafft sogar einen Überblick über die druckgrafische Arbeit einer ganzen österreichischen Künstlergeneration. Als letzte
von drei durch den Radiosender Ö1 verlegten Grafikmappen, von denen die erste den Stars der österreichischen Kunstszene (2007) und die zweite den Mid-Career-Artists (2008) gewidmet war,
enthält die dritte Mappe aus dem Jahr 2010 Druckgrafiken der sogenannten „Generation Now“. Sie
umfasst Arbeiten von 12 Jungstars, mitunter Documenta Kassel und Biennale Venedig
TeilnehmerInnen, welche schon heute sehr erfolgreich in der Kunstwelt reüssieren. Die Mappe zeigt
besonders die Präferenzen dieser Künstlergeneration hinsichtlich verwendeter Drucktechniken und
Farbigkeit. Auffallend ist hierbei die verhältnismäßig häufige Anwendung der Polymer Heliogravüre -
einer Technik, welche die wirklichkeitsgetreue Wiedergabe von Fotos mit der Ästhetik einer
Druckgraphik verbindet - sowie die reduzierte Farbigkeit bis hin zu Schwarz-Weiß.
Bei der Ausstellung „Mappenwerke 1956-2011“ soll der Betrachter den Unterschied zwischen der
Betrachtung eines einzelnen Kunstwerkes und der Betrachtung einer Gesamtheit von
zusammengehörigen Werken erfahren. Zusätzlich zur Bedeutung eines jeden Einzelblattes in einer
Mappe entsteht durch die Zusammengehörigkeit der Arbeiten zueinander eine übergeordnete
Sinnebene, die erst durch Betrachtung der Einzelblätter in ihrer Gesamtheit als Mappenwerk
erschlossen werden kann. |



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